Notfall auf dem Balkan


Anhang zum Eurofax Nr. 80 - Mai 1999

Die European Scout Region hat das Programm "Notfall auf dem Balkan" gestartet, um Pfadfinderverbände in ganz Europa zu ermutigen, Aktionen zu starten, die diejenigen unterstützen, die während des andauernden Konfliktes leiden, insbesondere die Vertriebenen und Umgesiedelten. Pfadfinder sind eine erzieherische Bewegung, nicht eine humanitäre Hilfsorganisation, jedoch haben wir als erzieherische Bewegung die Organisation, Erfahrung, Fähigkeit, Ausrüstung und die Materialien, die sehr nützlich dabei sein können, Menschen in dieser schwierigen und traurigen Situation zu helfen. Wir können nicht mehr einfach Beobachter sein - wir müssen uns selbst verpflichten.

Unsere Ziele sollten folgende sein:

Um diese Ziele zu erreichen, können fünf Arten von Aktionen entwickelt werden:

  1. Die Zusammenarbeit mit humanitären Organisationen (insbesondere mit der UNHCR, mit der WOSM und WAGGGS ein spezielles Abkommen über Kooperation getroffen haben), um Geld, Nahrungsmittel, Kleidung und Ausrüstung für die Flüchlinge zu sammeln (Beispiel: The Scout Association, United Kindom und the Scout Association of Greece).
  2. Den Flüchtlingen, die in unser Land kommen, zu helfen, insbesondere durch die Organisation von Aktivitäten für Jugendliche und Kinder (z.B.: the Scout and Guide Association of Turkey). Das European Scout Committee unterstützt Verbände in den Ländern, die Flüchtlinge aus dem Kosovo aufnehmen, bei der Organisation von Sommer Aktivitäten und Lagern für Kinder, die geflohen und Opfer des Krieges sind. Pfadfinder Zentren in ganz Europa, wie z.B. die in "Where to stay in Europe" aufgeführten, können für diesen Zweck in Kooperation mit UNHCR und anderen humanitären Organisationen benutzt werden. "Sunrise City", entwickelt von der Scout Association of Croatia, basiert auf diesem Experiment und kann Richtlinen bereitstellen.
  3. Unterstützt die drei Verbände, die direkt in diesem Gebiet verwickelt sind: die Scout Association of Yugoslavia, die Scout Association of the Former Yugoslav Republic of Macedonia und die Scout Association of Albania. Diese Verbände entwickeln Projekte, um Menschen zu helfen, insbesondere für Kinder, die die Opfer des Krieges sind: Aktivitäten in Flüchtlingslagern, Bewahrung der Menschenrechte, usw. Sie benötigen Unterstützung in Form von Geld, Ausrüstung und Mitarbeitern. Ein spezielles Konto wurde durch die European Scout Foundation eröffnet, um Spenden zu erhalten, und einige Verbände wie die European Scout Foundation haben bereits Spenden gesammelt. Eine gute Möglichkeit für die lokalen Gruppen, Geld zu sammeln, ist, die Kosten für einen Tag im Lager von jedem Mitglied einzusammeln.
  4. Schickt Freiwillige, um Aktivitäten in den Flüchlingslagern in Albanien, Mazedonien, Montenegro usw. zu organisieren (z.B. AGESCI Italien). Die European Scout Region untersucht nun Möglichkeiten, solche Programme schnell mit der UNHCR und der Europäischen Union zu organisieren.
  5. Baut "Brücken der Freundschaft". Helft Jugendlichen, Kontakte zu knüpfen, die Vorurteile, Propaganda und politische Diskussionen hinterfragen, um zu entdecken, daß in jedem Land, das an dem Konflikt beteiligt ist, Menschen dieselben Hoffnungen und Ängste teilen. Kontakte zu Verbänden, die von der Krise betroffen sind, können, wann immer möglich, durch den Austausch von Post, E-Mails und Einladungen hergestellt werden.

Das European Scout Office, das in ständigem Kontakt mit der UNHCR und den Europäischen Institutionen steht, steht Dir zur Verfügung, um Informationen und Richtlinien zu beschaffen. Jede gute Idee sollte mit allen Verbänden in Europa geteilt werden.

Neuigkeiten aus den Verbänden:

Jugoslawien

Vielen Dank für Euren Brief. Danke, daß Ihr an uns denkt, es gibt uns die Kraft, durchzuhalten. Ich verstehe Eure Ansichten. Freiwillige und besonders diejenigen, die professionel für den Verband arbeiten, müssen als oberstes Gebot an den Grundsätzen des Pfadfindertums festhalten. Ich gebe mein Bestes, um einen kühlen Kopf und einen gesunden Menschenverstand in der Hölle, durch die wir gehen, zu behalten.
Die Scout Organization of Serbia versucht angestrengt, so normal wie möglich zu arbeiten. Wir stehen in Kontakt mit unseren Mitgliedern. Die Kinder treffen sich wegen der Gefahr der Luftangriffe selten, und aus dem gleichen Grund schlagen wir keine Zelte auf. Aus diesen offensichtlichen Gründen gehen die Kinder auch nur selten nach draußen in die freie Natur. Ich habe das Gefühl, das es noch immer Februar ist, und dabei erblüht die Natur überall...
Wir haben uns dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt und sind sehr damit beschäftigt, ihnen zu helfen (wir helfen, die Alten zu beschützen, die Ruinen aufzuräumen, Sanitärmaterial für die Zufluchtsorte vorzubereiten, Nahrungsmittel und Wasser vorzubereiten usw. - wir versuchen einfach, gute Dinge zu verrichten)... Unsere Führung steht absolut und einstimmig hinter den Prinzipien des Pfadfindertums. Das Feuer dieser Bewegung muß erhalten bleiben. Wir glauben, daß nichts durch die Bomben erreicht werden kann, daß Menschen zusammenleben können, egal, welcher Religion oder Nationalität sie angehören oder was auch immmer für Besonderheiten sie haben, und wir glauben, daß unser Verband Pfadfinder aller Nationalitäten als Mitglieder haben sollte. Es gibt keinen Kosovo und Metohija ohne Serben, Albaner, Türken, Ägypter und Mitglieder der anderen Nationalitäten, die dort leben.
Wir sind überzeugt, daß Serbien und Jugoslawien die Opfer einer riesigen Ungerechtigkeit sind; das Leiden aller Nationalitäten ist enorm.
Aber wir wissen, daß Pfadfinder nicht verantwortlich für diese Situation sind und daß sie es wahrscheinlich besser lösen würden als die Politiker.

Milan Barisic, Secretary General, Scout Organization Serbia

Die Scout Association of Yugoslavia veröffentlicht per E-Mail einen Newsletter, um mit anderen ausländischen Verbänden in Kontakt zu bleiben:

Diese E-Mail Kommunikation ist dazu gedacht, viele von Euch, die besorgt über die tragischen Entwicklungen in unserem Land sind, zu informieren, insbesondere über unsere Organisation unter den momentanen außerordentlichen und ungewöhnlichen Umständen. Vom ersten Moment an, als unser Land von den militärischen Aktivitäten befallen wurde, haben sich unsere Mitglieder jeden Alters Sorge um die mißliche Lage ihrer Nachbarn, Freunde, Eltern und Kinder und Geliebte gemacht. Spontan haben einige wenige von ihnen in ihrer eigenen Gemeinschaft und Nachbarschaft versucht, alles zu tun, was sie können, um die mißliche Lage besonders der Älteren und Kinder zu verbessern, mit dem Ziel, mit den verwüstenden Effekten der Zerstörung, Gewalt und Angst fertig zu werden. Es gibt viele Beispiele von Courage und Standfestigkeit von Jungen und Mädchen unseres Verbandes. Wir können stolz behaupten, daß wir unseren Pfadfinderverband erhalten haben und das sich unsere Mitglieder während der letzten sehr langen drei Wochen zu den Standards und Werten des Weltpfadfindertums emporgearbeitet haben. Mit dieser Mail wollen wir Dich bei uns halten, unserer Anstrengung, die Leiden der Schwachen und Schutzlosen zu lindern. Wir werden unser Bestes geben, Dir diesen Newsletter trotz vieler Schwierigkeiten regelmäßig zu schicken. Während dieser trostlosen Stunden in Kontakt mit Dir zu bleiben, wird uns daran erinnern, daß wir immer noch ein Teil großartigen Pfadfinderfamilie sind. Ein Wort der Ermutigung und des Verstehens ist die größte Hilfe, die Du uns zukommen lassen kannst. "Emergency in the Balkans", der gemeinsame Appel an die nationalen Pfadfinderverbände durch David Bull, Chairman of the European Scout Committee, und Dominique Bénard, Regional Director, ist genau diese Art der Ermutigung. Im Tod und der Zerstörung machen ethnische oder religiöse Hintergründe keine Unterschiede. Wir hoffen, daß die fortschreitende Gewalt aufhört und der dauerhafte Frieden und Wohlstand in unser Land besser früher als später zurück kommt. Aber die, die umgekommen sind, werden niemals zurückkehren. Unsere Trauer für die bekannten und unbekannten unschuldigen Opfer wird für immmer da sein.

Kroatien

Ich baue den Kontakt mit der Organisation der Albanischen Minderheit in Zagreb auf, die eine Anzahl der Flüchtlinge aus dem Kosovo betreut. Es ist sehr wichtig für mich, jede Information, die Ihr für mich habt, zu bekommen, damit ich einige Vorkehrungen für die kommenden Monate treffen kann. Die Ereignisse in unserer Nähe haben ein Stadium erreicht, an dem ich denke, wir sollten und wir müssen etwas unternehmen, um den Flüchtlingen aus dem Kosovo zu helfen, um so mehr, da wir in "Sunrise City" die Erfahrung gemacht haben, zu teilen und zu helfen. In der Tat beinhalten meine Vorstellungen drei Punkte:
  1. Ein Seminar (Trainig, Workshop) für Leiter aus den Ländern, die Flüchtlinge aus dem Kosovo betreuen, in dem wir das Know How von "Sunrise City" übertragen können, und zumindest am Anfang das Modell ermöglichen können, daß sich so viele Male erfolgreich bewiesen hat. Dieses Ereignis könnte in dem neuen Zentrum sein, an dem wir nahe der Kleinstadt Motovun in Istrien arbeiten. Ich denke, es sollte so schnell wie möglich stattfinden, vielleicht Ende Mai oder im Juni, da frühe Unterstützung bessere Ergebnisse erzielt.
  2. Die Möglichkeit, kombinierte Gruppen von Flüchtlingen aus dem Kosovo und Pfadfindern aus den Gebieten, wo diese Flüchtlinge angesiedelt sind, in Lagern wie "Sunrise City" zusammenzubringen. In erster Linie würde dieses Ergebnisse über die psychosoziale Stabilität dieser Flüchtlinge zeigen, würde aber ebenfalls die Last der anderen Organisationen verringern, die sich um die Flüchtlinge kümmern, zumindest für die kurze Zeit, die sie hier in den Lagern verbringen.
  3. Wir sollten die Möglichkeiten herausfinden, unser Modell in die anderen Länder zu übertragen, die Flüchtlinge aus dem Kosovo aufgenommen haben - es ist klar, daß die Probleme noch für einige Zeit bestehen bleiben, und ich denke, es wäre sehr hilfreich, wenn die anderen Pfadfinderverbände in diesen Ländern unsere Erfahrungen und Fähigkeiten annehmen würden und zusammen mit ihren eigenen diesen Menschen helfen, Stabilität so schnell wie möglich wieder zu erlangen.
Bonny Bosniak, Manager des Sunrise City Projektes

Groß Britannien

Wir bitten um Eure Unterstützung in einer sehr wichtigen humanitären Initiative, die die Mühe Wert ist. British Airways und the Daily Express haben sich für eine Kampagne zusammengeschlossen, die dringend notwendige Kleidung und Wolldecken für die Opfer des Kosovo Konfliktes beschaffen soll. Sie haben den Pfadfinderverband gefragt, Mitglied dieser Kampagne zu werden, indem sie Sammelpunkte schaffen, an denen die Bevölkerung Ihre Spende abgeben kann.
Als Mitglieder der internationalen Gemeinschaft haben die Pfadfinder aus Groß Britannien die Möglichkeit, Menschen in Not gegenüber sich anders zu verhalten.
So könnt Ihr helfen:
Länder und Gemeinden haben regionale Sammelstellen für Kleidung und Wolldecken für Kosovo Flüchtlinge geschaffen. Die Kriterien sind: Der Daily Express wird die Einzelheiten dieser Plätze in seiner Zeitung bekannt geben, und die lokalen Medien werden kontaktiert, um den Aufruf und das Vorhandensein eines örtlichen Zentrums zu veröffentlichen. Wir arbeiten sehr eng mit dem Daily Express zusammen, und sie sind sehr zuversichtlich, daß, vorausgesetzt wir erstellen nicht zu viele Plätze, es möglich sein wird, die Einsammlung durch den Zeitungsvertrieb zu ermöglichen, durch die Großhändler und Transportunternehmen.
Aber wir brauchen nicht zu hoffen, daß diese Aktion vollig reibungslos funktioniert, es wird eine Menge guten Willens von allen Beteiligten erforderlich sein.
Alle Übereinkünfte sind sehr kurzfristig während der Feiertage getroffen worden, als viele örtliche Kontakte einfach nicht erreichbar waren. Trotz dieser Umstände und als das Ergebnis sehr harter Arbeit konnten beinahe 100 Örtlichkeiten ausgemacht werden. Eine Liste dieser ist auf der Scout Base veröffentlicht
(http://www.scoutbase.org.uk/inter/kosova/).

Jane Gizbert, The Scout Association, United Kingdom

Die ehemalige jugoslavische Republik Mazedonien

Ich bin sicher, Ihr seid über die Situation in unserer Gegend besorgt. Ich hatte gehofft, daß dieser Wahnsinn niemals anfangen würde und nun hoffe ich, daß er so schnell wie möglich aufhört. Auch wenn Mazedonien nicht direkt in dem Krieg einbezogen ist, so haben wir doch eine Menge Probleme. Zur Zeit ist das größte Problem die riesige Anzahl von Flüchtlingen (im Moment sind es über 130.000) und Mazedonien ist nicht in der Lage, alle aufzunehmen.
Während der letzten Tage standen wir mit mehreren humanitären Hilfsorganisationen in Kontakt und diskutierten die Möglichkeiten, den Flüchtlingen zu helfen. Zur Zeit haben wir nicht die Möglichkeit, sehr viel zu helfen, denn die Flüchtlinge werden von einem zum anderen Platz transportiert und immer noch warten sehr viele an der Grenze. In den folgenden Tagen hoffen wir, daß sich die Situation verbessert (wie Ihr vielleicht wißt, wird ein Teil der Flüchtlinge in andere Europäische Staaten gebracht), und wir können damit beginnen, konkret zu handeln.
Im Moment planen wir das Einsammeln und Verteilen der notwendigen Sachen für die Flüchtlinge, und danach versuchen wir, mit den Kindern in den unterschiedlichen Lagern zu arbeiten. Ich bin ebenso in regelmäßigem Kontakt mit Milutin. Während unseres letzten Treffens diskutierten wir die Möglichkeit, ein "drop-in" Zentrum für Jugoslawische Pfadfinder zu organisieren, von dem aus die Unterstützung zur Jugoslawischen Grenze stattfinden könnte. Ich warte noch auf seine Antwort.

Pasinecki Tase, Secretary General of the Scout Association of FYR of Macedonia

Italien

Wir möchten Euch davon informieren, daß unser Verband zugestimmt hat, an einem Projekt der Italienischen Regierung Namens Öperazione Arcobaleno" teilzunehmen. Im Moment sind sechs Leiter unseres Verbandes bei der Arbeit in einem Flüchtlingslager in Durazzo eine Zeltstadt aufzubauen. Morgen abend werden 15 Leiter ebenfalls dort hin aufbrechen. Wir arbeiten mit dem italienischen Militär zusammen, und unsere Leiter werden für 7-10 Tage in Albanien bleiben. Auf jeden Fall werden wir jede Nachricht, die Ihr an unsere regionale Büros sendet, weiterreichen, um unserer regionalen Ebene Eure Anfrage bewußt zu machen. Bitte bleibt in Verbindung mit uns!

Fabiola Canavesi, Franco Iurlaro, International Commissioners AGESCI

Türkei

Unser Verband ist im Kirklareli Flüchtlingslager aktiv, das mit allen notwendigen Einrichtungen für 20.000 Flüchtlinge vorbereitet ist, hinzu kommen 200 Flüchtlinge aus dem Krieg in Bosnien. Unsere Pfadfinder sind auf Grund Ihrer Bosnien Erfahrungen gut vorbereitet, und sie konzentrieren sich auf Jugendliche und besonders Kinder durch soziale Aktivitäten, Unterricht während der langen Zeit und jede andere Arbeit, die die Leitung dieses Zentrums anfordert. Wir haben bereits einen Leiter, der Arzt in dem Krankenhaus des Flüchtlingszentrums ist. Die Türkei betreut 8.000 Flüchtlinge in Kirklareli und anderen Orten. Zur Zeit erkundet unser "provincial Scout commissioner", was wir tun können. Sein Team aus 20 Pfadfindern und Pfadfinderinnen wird morgen wieder mit der Arbeit anfangen und wird nächste Woche durch naheliegende Provinzen unterstützt. Ihr könnt uns helfen, indem Ihr einige Kinderbücher in Albanisch findet, die frei kopiert werden können - dann können wir sie reproduzieren und auf dem Platz verteilen. Im Moment veruchen wir nur Malbücher herzustellen und Farbstifte in Ankara aufzutreiben, die im Krankenhaus in Kirklareli verteilt werden können. Ich werde mit Euch in Kontakt bleiben, um Fortschritte zu berichten und vor allem Ideen auszutauschen über die Art, wie Unterstützung geleistet werden kann.

Savas Baran, International Commissioner TIF, Turkey

Übersetzt von Dietmar Hollmann (Hollmann.Trebovsek@gmx.de) - DPSG

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